Ein Bürostuhl ist das Arbeitsmittel mit der längsten Kontaktzeit. An einem gewöhnlichen Arbeitstag sitzt ein Mensch mehrere Stunden darauf, und trotzdem wird über den Stuhl häufiger nach Preis und Aussehen entschieden als nach Ausstattung. Dieser Text beschreibt, woran ein brauchbarer Stuhl zu erkennen ist, welche Aufpreise sich lohnen und welche man sich sparen kann.
Er richtet sich an Beschäftigte, die bei der Beschaffung mitreden oder selbst kaufen, und an alle, die im Betrieb bestellen.
Die Norm, die es gibt – und was sie bedeutet
Für Büro-Arbeitsstühle gibt es eine Bezugsnorm: DIN EN 1335. Sie besteht aus drei Teilen. Teil 1 legt die Maße fest, Teil 2 die Sicherheitsanforderungen, Teil 3 die Prüfverfahren dazu. Teil 1 unterscheidet außerdem drei Ausstattungstypen, von denen Typ A die meisten Verstellmöglichkeiten verlangt und Typ C die wenigsten.
Wichtig ist die Einordnung: Eine DIN-Norm ist kein Gesetz. Verbindlich ist die Arbeitsstättenverordnung, und die schreibt keinen Stuhltyp vor, sondern ein Ergebnis – eine ergonomisch günstige Haltung. Die Norm beschreibt den Stand der Technik und liefert die Sprache, in der sich Stühle vergleichen lassen. Wer einen Stuhl beschafft, der DIN EN 1335 entspricht, hat ein nachprüfbares Argument. Wer einen anderen beschafft, muss selbst begründen, warum er passt.
Das zweite Zeichen, auf das sich zu achten lohnt, ist das GS-Zeichen für "Geprüfte Sicherheit". Es wird auf freiwilliger Grundlage nach dem Produktsicherheitsgesetz von einer zugelassenen Prüfstelle vergeben, deren Name auf dem Zeichen steht. Das GS-Zeichen ist kein Ergonomie-Siegel, es sagt nichts darüber, ob der Stuhl zu Ihnen passt. Es sagt, dass ein Dritter das Produkt geprüft hat. Ein Stuhl ganz ohne solche Angaben hat sie in der Regel nicht bekommen.
Die fünf Einstellungen, auf die es ankommt
Ein guter Stuhl, der falsch eingestellt ist, ist ein schlechter Stuhl. Die Reihenfolge ist dabei nicht beliebig, weil jede Einstellung die nächste verschiebt.
Erstens die Sitzhöhe. Beide Füße stehen flach auf dem Boden, Ober- und Unterschenkel bilden etwa einen rechten Winkel. Nicht die Tischhöhe entscheidet darüber, sondern Ihre Beinlänge; wie der Tisch dann folgt, steht in Bildschirmarbeitsplatz einrichten.
Zweitens die Sitztiefe. Setzen Sie sich weit nach hinten, bis der Rücken an der Lehne anliegt. Zwischen Kniekehle und Sitzvorderkante sollen zwei bis drei Finger Platz bleiben. Ist der Sitz zu tief, rutschen Sie nach vorn und verlieren die Lehne; ist er zu kurz, tragen die Oberschenkel zu wenig Gewicht.
Drittens die Rückenlehne. Die Wölbung der Lehne – die Lordosenstütze – gehört auf die Höhe der Lendenwirbelsäule, also in die Kurve über dem Becken. Viele Stühle lassen die Lehne dafür in der Höhe verschieben. Sitzt die Stütze zu weit oben, drückt sie ins Kreuz statt es zu stützen.
Viertens der Gegendruck. Die Mechanik wird auf Ihr Körpergewicht eingestellt, meist über ein Handrad oder eine Kurbel unter dem Sitz. Richtig eingestellt ist sie, wenn die Lehne Sie beim Zurücklehnen trägt und Sie sie beim Aufrichten nicht nach vorn drücken müssen. Zu straff eingestellt bleibt jeder Stuhl starr.
Fünftens die Armlehnen. Lassen Sie die Schultern hängen, winkeln Sie die Unterarme an: Auf dieser Höhe stehen die Armlehnen. Ziehen sie die Schultern hoch, sind sie zu hoch; hängen die Arme daneben, sind sie zu niedrig und stören nur.
Der eine Aufpreis, der sich fast immer lohnt
Die Synchronmechanik verbindet Sitz und Lehne in einem festen Verhältnis: Neigt sich die Lehne nach hinten, kippt der Sitz um einen kleineren Winkel mit. Der Öffnungswinkel zwischen Rumpf und Oberschenkeln bleibt dabei erhalten, und der Rücken wird beim Zurücklehnen nicht vom Sitz abgezogen.
Praktisch heißt das: Sie können sich bewegen, ohne die Haltung zu verlieren. Genau darum geht es beim dynamischen Sitzen – nicht um die eine richtige Haltung, sondern um den Wechsel zwischen mehreren. Die einfachere Wippmechanik neigt Sitz und Lehne starr gemeinsam, die reine Permanentkontaktlehne folgt nur dem Rücken. Beides ist schlechter, und der Unterschied im Preis ist geringer als der Unterschied im Ergebnis.
Zur Mechanik gehört, dass sie nicht arretiert wird. Wer die Lehne feststellt, hat eine Synchronmechanik gekauft und einen starren Stuhl bekommen.
Was Aufpreis kostet und selten etwas bringt
Kopfstützen an Stühlen, deren Lehne sich nicht weit zurückstellen lässt, hängen im Leeren. Sie wirken erst in einer Ruheposition, die ein normaler Bürostuhl gar nicht anbietet.
"Orthopädische" Auslobungen ohne Prüfnachweis sind Werbetext. Der Begriff ist nicht geschützt. Fragen Sie nach Norm, Prüfstelle und Prüfbericht; kommt dazu nichts, kaufen Sie ein Wort.
Gaming-Stühle mit Schalensitz sind für kurze, konzentrierte Sitzungen gebaut. Der hohe Seitenwulst am Sitz schränkt die Beinstellung ein, und starre Schalenlehnen bieten wenig Anpassung. Für Achtstundentage ist die Bauform der falsche Ausgangspunkt.
Bezüge und Materialien ändern das Klima, nicht die Ergonomie. Ein Netzrücken ist angenehm in warmen Räumen und sonst eine Geschmacksfrage.
Die Rollen, die fast jeder falsch kauft
Bürostuhlrollen gibt es in zwei Ausführungen, und die Zuordnung wirkt zunächst verkehrt herum: harte Rollen gehören auf weiche Böden wie Teppich, weiche Rollen auf harte Böden wie Parkett, Laminat, Fliesen oder Linoleum. Weiche Rollen sind meist an einem andersfarbigen Laufring zu erkennen.
Die falsche Kombination hat zwei Folgen. Harte Rollen auf Hartboden rollen von allein weg und hinterlassen Spuren. Weiche Rollen auf Teppich bremsen so stark, dass man den Stuhl anhebt statt ihn zu schieben. Rollen lassen sich für wenig Geld tauschen; sie werden abgezogen und eingesteckt. Das ist die billigste Verbesserung an einem Bürostuhl überhaupt.
Sitzbälle, Hocker und Sattelsitze
Sitzbälle, Pendelhocker und Sattelsitze haben eine Berechtigung – als zeitweiser Wechsel. Sie zwingen zu ständigen kleinen Ausgleichsbewegungen, und das ist für eine halbe Stunde eine Abwechslung.
Als alleiniger Arbeitsplatzstuhl taugen sie nicht. Es fehlen Rückenlehne, Sitzhöhenverstellung und in aller Regel jede Sicherheitsprüfung für den Dauergebrauch; ermüdet die Muskulatur, gibt es nichts, worauf man sich zurücklehnen könnte. Der Wechsel zwischen Haltungen ist das Ziel, und wie er sich über den Tag verteilen lässt, steht in Stehen und Sitzen im Wechsel. Ein Ersatz für den Stuhl ist das nicht.
Wer den Stuhl bezahlt
Am betrieblichen Arbeitsplatz ist die Sache eindeutig. Der Arbeitgeber stellt die Arbeitsmittel und trägt die Kosten; § 3 Abs. 3 Arbeitsschutzgesetz verbietet ausdrücklich, Kosten für Arbeitsschutzmaßnahmen den Beschäftigten aufzuerlegen. Ein untauglicher Stuhl ist deshalb kein privates Problem, sondern ein Punkt für die Gefährdungsbeurteilung und für den Betriebsrat.
Im Homeoffice hängt es an der Vereinbarung. Richtet der Arbeitgeber einen Telearbeitsplatz im Sinne der Arbeitsstättenverordnung fest ein, gehört das Mobiliar dazu. Beim bloßen mobilen Arbeiten am Küchentisch gilt das nicht; dort schuldet niemand einen Stuhl, solange nichts anderes vereinbart ist. Fragen Sie deshalb nach einem Zuschuss oder einer Ausleihe, bevor Sie selbst kaufen – was üblich ist und wie es geregelt wird, behandelt Ausstattung im Homeoffice: wer zahlt.
Die Steuer ist der zweitbeste Weg. Ein nahezu ausschließlich beruflich genutzter Bürostuhl ist ein Arbeitsmittel und als Werbungskosten abziehbar; bis zu einer bestimmten Anschaffungsgrenze im Jahr der Anschaffung in voller Höhe, darüber verteilt über die Nutzungsdauer, die die amtliche Abschreibungstabelle für Büromöbel mit 13 Jahren ansetzt. Die Betragsgrenze ändert sich, sie ist für das jeweilige Jahr zu prüfen. Und sie erstattet nichts, sie mindert nur die Steuer.
Vor dem Kauf
Probesitzen heißt nicht, sich kurz hineinzusetzen. Bleiben Sie eine halbe Stunde sitzen, in Ihrer üblichen Kleidung, und stellen Sie in dieser Zeit alle fünf Punkte ein. Ein Stuhl, dessen Bedienelemente Sie im Sitzen nicht finden, wird auch später nicht eingestellt.
Klären Sie vor dem Kauf zwei Dinge: ob es Ersatzteile gibt – Gasfeder, Rollen, Bezug sind Verschleißteile – und wie lange die Garantie läuft und was sie abdeckt. Gute Stühle halten deutlich länger als der Zeitraum, über den sie abgeschrieben werden, und gebrauchte Markenstühle aus Büroauflösungen sind für kleines Geld oft besser als neue Ware derselben Preisklasse.
Wenn Beschwerden schon da sind, löst ein neuer Stuhl sie nicht allein; was daran an der Haltung liegt und was an der Sitzdauer, steht in Rückenschmerzen im Büro. Und wer sich beruflich verändert, kann die Frage nach dem Stuhl vor der Zusage stellen: In den offenen Stellenangeboten steht dazu nie etwas, im Vorstellungsgespräch lässt sie sich in einem Satz klären.
Wenden Sie das direkt an: Im Stellenmarkt stehen die offenen Stellen der Versicherungswirtschaft, und zu jedem Beruf finden Sie die Aufgaben und die üblichen Gehälter daneben.